Aufarbeitung pädosexuelle Gewalt

Aufklärung

Um die Zusammenhänge, Taten und Geschehnisse in den 1980er Jahren umfassend beurteilen zu können, hat der Bundesvorstand des DKSB Ende 2013 das Göttinger Institut für Demokratieforschung als unabhängige Institution mit der Untersuchung der Ereignisse beauftragt. Im Mai 2015 hat das Institut seinen Bericht abgegeben; (s. Aktuelles und Termine) und im Juli 2015 haben wir hierzu eine Stellungnahme abgegeben (Downloads). An dieser Stelle finden Sie im Folgenden eine Übersicht der bisherigen Ereignisse und Veröffentlichungen nach unserem derzeitigen Kenntnisstand:
-1977 Gründung des DKSB in Münster.In den ersten fünf Jahren entstanden zahlreiche Arbeitsgruppen, darunter auch die „AG Freundschaft mit Kindern“ und „AG Ausreißer und Treber“ (später AG Ausreißerhilfe).
-Zur AG „Freundschaft mit Kindern“:Die ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen dieser AG vertraten explizit antipädagogische Standpunkte. 1980 hat die AG das Deutsche Kindermanifest veröffentlicht, in dessen Präambel es heißt: „Kinder, Männer und Frauen sind gleichberechtigt“. Im Manifest der AG wurden 22 Kinderrechte proklamiert, darunter auch:-Kinder haben das Recht, sich von bisherigen Lebenspartnern zu trennen und neue Lebenspartner zu wählen. Kinder können eine eigene Familie gründen.-Kinder haben das Recht, ihr Sexualleben selbst zu bestimmen und Nachkommen zu zeugen.Von der AG hat sich der DKSB Münster Ende der 80er Jahre getrennt.Auszug aus unserer Publikation Jubiläums-„Einblick“ von 2007 zur AG Freundschaft mit Kindern:„Ende der 80er Jahre hat „die AG Freundschaft mit Kindern einen eigenen Verein gegründet, da sich die Anschauungen dieser AG im Laufe der Jahre immer mehr von den Wertvorstellungen der übrigen Aktiven im Ortsverband entfernt hatten.“ ( Einblick_Jubiläum 2007). Zur Erläuterung: in den vorangegangenen Jubiläumsjahren 2002, 1997 etc. gab es unseren Infobrief „Einblick“ noch nicht.
-Zur AG „Ausreißerhilfe“:Gegründet im Jahr 1981, bestand die genannte AG als Arbeitsgruppe des DKSB Münster bis April 1990. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen unserer AG kümmerten sich um Ausreißer*innen. Parallel dazu gab es von 1982 bis 1992 außerhalb des DKSB Münster einen eigenständigen Verein „Ausreißerhilfegruppe e.V.“. Dieser hatte (vermutlich ab Ende 1986) eine Geschäftsstelle in der Münsteraner Friedensstraße mit Büro, zwei Zimmern zur Aufnahme von Jugendlichen und einem privaten Wohnraum des ehrenamtlichen Mitarbeiters Christoph K.
-Zu den Verbrechen in den 1980er Jahren:Auf der Vorstandssitzung des DKSB Münster am 12.12.1989 eröffnete Christoph K., damals  auch Mitglied im Vorstand unseres Ortsverbands, den übrigen Vorstandsmitgliedern, dass ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen sexuellen Missbrauchs im Rahmen seiner Ausreißerhilfearbeit eingeleitet worden sei. Daraufhin veranlasste der damalige Vorstand des DKSB OV Münster, dass Christoph K. seine Ämter für die Dauer des Verfahrens – und damit bis zu einer endgültigen Klärung der Vorwürfe – niederlegte. Des Weiteren durfte er keine Kinder und Jugendlichen mehr betreuen. Dem Vorstand des Vereins „Ausreißerhilfegruppe e.V.“ war das Ermittlungsverfahren gegen Christoph K. spätestens am 08.12.1989 ebenfalls bekannt. Im Jahr 1994 und dann auch 1997 wurde Christoph K. wegen sexuellen Missbrauchs mehrerer Jugendlichen zu insgesamt 7,5 Jahren Haft verurteilt.
-Publikation Jahresbericht 1997: Zum Thema „Pädophilie allgemein“ wurde auf der bundesweiten Mitgliederversammlung des DKSB am 24. Mai 1997 eine Resolution verfasst, die wir als Ortsverband Münster unterstützt haben. Über diese haben wir in unserem Jahresbericht 1997 (erschienen im April 1998) informiert. Auszug:„Es ist für den Deutschen Kinderschutzbund selbstverständlich, dass er sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern auf das Schärfste verurteilt. Sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern sind eine Form sexueller Gewalt gegen Kinder. […]
Pädophile, die sexuelle Beziehungen zu Kindern suchen, missbrauchen das Machtgefälle, das zwischen Erwachsenen und Kindern besteht, sowie die Abhängigkeit Heranwachsender von Liebe und Fürsorge. Eine gleichberechtigte sexuelle Beziehung ist aufgrund dieser Machtverteilungsstrukturen nicht möglich.“
Auf die Verbrechen des Christoph K. haben wir in Publikationen und Veranstaltungen des DKSB OV Münster mehrfach informiert:
-Publikation „Jahresbericht“ 1996:„Leider tauchte Ende der 80er Jahre der Verdacht auf, dass es von Seiten des Gründers der „Ausreißerhilfe“ gegenüber Schutzbefohlenen zu sexuellen Übergriffen  gekommen ist. Das hatte zur Folge, dass sich der DKSB von der „Ausreißerhilfe“, die in der Zwischenzeit einen eigenen Verein gegründet hatte, trennte. In einem Gerichtsverfahren, das Jahre später stattfand, wurde der Verdacht bestätigt.“
-Ausstellung zur Vereinsgeschichte 2002:Anlässlich unseres 25-jährigen Jubiläums informierten wir über in einer Ausstellung unsere Vereinsgeschichte und informierten unter der Überschrift „Der Tiefpunkt“ über die in den 1980er Jahre von Christoph K. begangenen Verbrechen, das Ermittlungsverfahren und die Verurteilung.
-Publikation Jubiläums-„Einblick“ von 2007:„Dieses kriminelle Handeln eines einzelnen ehrenamtlichen Mitarbeiters hat viel Leid für die betroffenen Jugendlichen und ihre Familien mit sich gebracht. Es hat aber auch unseren Verein für das Problem der sexuellen Übergriffe durch Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen so sensibilisiert, dass dieses noch heute ein wichtiges Thema ist, über das unsere Beratungsstelle immer wieder aufklärt.“ (Einblick_Jubiläum 2007)
-Resolution Kinderschutztage Magdeburg 2010: In einer auf den Kinderschutztagen 2010 in Magdeburg verabschiedeten Resolution setzte sich unser Verband intensiv mit sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in Familien sowie in Institutionen auseinander und erhob eine Vielzahl von Forderungen zum Schutz von Kindern: Im November 2013 berichtete -für unseren Verband völlig überraschend- ein Artikel in der „Welt am Sonntag“ über Einflüsse pädophiler Netzwerke und Akteure in den 1980er Jahren auf den Deutschen Kinderschutzbund. Im Artikel wurden auch Vorwürfe gegen den damaligen Präsidenten des DKSB, Prof. Walter Bärsch, erhoben. Das Göttinger Institut für Demokratieforschung war im Zuge einer Forschungsarbeit zum Thema „Pädosexualität im frühen Parteienprogramm der Grünen“ hierauf gestoßen.
-Pressemitteilung vom 13.09.2013 des DKSB Bundesverbands zu den Verstrickungen des damaligen Vorstands.
Der Bundesverband macht deutlich, dass er „sehr betroffen über inakzeptable Aussagen in Schriften des Kinderschutzbundes aus den 1980er Jahren“ sei. Er werde das Institut für Demokratieforschung von Prof. Walter beauftragen, „eine unabhängige Untersuchung der Einflüsse pädophiler Netzwerke und Akteure auf den Deutschen Kinderschutzbund und andere soziale Bewegungen durchzuführen und diese offenzulegen. Eine solche unabhängige Aufarbeitung werden der Bundesvorstand und die Bundesgeschäftsstelle nach Kräften unterstützen“. Der DKSB verwies weiterhin auf vielfältige Aktivitäten, Projekte und Veröffentlichungen der letzten 20 Jahre, die die eindeutig ablehnende Position des Verbandes gegen pädosexuelle Gedanken und Taten gezeigt hätten: Stellungnahme
-DKSB erteilt Auftrag für Untersuchung und richtet AG Aufarbeitung ein: Am 09.11.2013 haben Bundesvorstand und Landesvorstandskonferenz des DKSB definitiv beschlossen, das Göttinger Institut für Demokratieforschung unter Prof. Walter mit der unabhängigen Aufarbeitung zu beauftragen und nach Vorlage des Abschlussberichts eine Fachtagung zu diesem Thema zu organisieren. Diese soll von einer Arbeitsgruppe Aufarbeitung vorbereitet werden, der Vertreter*innen des Bundesvorstandes, der Bundesgeschäftsstelle, der Landesverbände und Vertreter von Ortsverbänden (so auch aus dem OV Münster unser Geschäftsführer Dieter Kaiser) angehören. Sie soll auch „wichtige Themen, die in Bezug auf die versuchte Einflussnahme pädophiler Netzwerke im DKSB stehen“, identifizieren und bearbeiten.Auf seiner Sitzung vom 28.02.2014 hat der Vorstand unseres OV diesen Beschluss des Bundesvorstandes einstimmig begrüßt und die Untersuchung des Instituts vor Ort von Beginn (Dezember 2013) an unterstützt.
Unser Foto (aufgenommen auf der Fachtagung des DKSB „Kinderschutz vor neuen Herausforderungen“ im Mai 2015) zeigt die Mitglieder der AG Aufarbeitung (4.v.l.: Dieter Kaiser, DKSB OV Münster).
-Artikel in der Wochenzeitschrift „Der Spiegelvom 06.01.2014:In diesem Artikel werden unter anderem Vorwürfe gegen den DKSB Ortsverband Münster erhoben, die ein Verbrechen von Christoph K. aus dem Jahr 1991 betreffen.In seiner Ausgabe vom 06.01.2014 berichtet „Der Spiegel“ im Artikel „Unter die Haut“ ( Artikel SPIEGEL )   darüber, dass im Jahr 1991 die damals jugendliche Nora K. (Name geändert) von Christoph K., der in den 80er Jahren ehrenamtlicher Mitarbeiter unseres Vereins war, im Rahmen seiner Tätigkeit im Verein Ausreißerhilfegruppe e. V. vergewaltigt worden sei. Nora K. erhebt in diesem Zusammenhang Vorwürfe gegen unseren Verein, so z. B. „dass der Münsteraner Kinderschutzbund niemanden über die Vorwürfe [gegen Christoph K.] informiert“ habe und deshalb im Jahr 1991 das Kinder- und Jugendtelefon unseres Vereins Nora K. an den Verein Ausreißerhilfegruppe und somit an Christoph K. hat weiterverweisen können. Die AutorInnen des Artikels führen zudem aus, dass es bereits in den 80er Jahren erste Kritik an Christoph K. gegeben habe, die aber nicht weiter verfolgt worden sei.-Die Stellungnahme unseres Vorstands vom 10.01.2014 und ein erneutes Gesprächsangebot an Nora K.Auszug: „Wir entschuldigen uns dafür, dass der Kinderschutzbund Münster bei seiner bisherigen Auseinandersetzung mit den damaligen Geschehnissen die Opfer bis heute nicht in den Blick genommen hat. Wir erneuern ausdrücklich unser Gesprächsangebot an Frau Nora K. [das vor dem SPIEGEL-Artikel datierte, aber leider bis heute von Nora K. nicht angenommen worden ist bzw. angenommen werden konnte] und laden auch die anderen Betroffenen ein, mit uns Kontakt aufzunehmen.“ Des Weiteren macht unser Vorstand in seiner Stellungnahme deutlich, dass er dem Göttinger Institut für Demokratieforschung die Bewertung der „Aktivitäten der damals in unserem Verein Handelnden“ überlässt. Sobald diese vorliege, werde er sich dazu öffentlich äußern. (Stellungnahme zum SPIEGEL-Artikel vom 6.1.14.)Aktivitäten seit der Veröffentlichung des Spiegel-Artikels:

-Besuch von Mitarbeiter*innen des Göttinger Instituts für Demokratieforschung: Am 03.02.2014 waren zwei Mitarbeiter*innen des Instituts für Demokratieforschung zur Akteneinsicht in unseren Räumlichkeiten. Darüber hinaus haben sie von Zeitzeuginnen, die wir für Gespräche gewinnen konnten, weitere Informationen erhalten. Aus den Befragungen wurde deutlich, dass es in den 1980er Jahren Hinweise auf Übergriffe durch Christoph K. gegeben hat, die nicht dazu geführt haben, dass diesem damals die Betreuung von Kinder und Jugendlichen untersagt und ggfs. Anzeige erstattet worden ist.

-Erneute Risikoanalyse im DKSB Münster

Der Vorstand des DKSB Münster hat den SPIEGEL-Artikel und die Gespräche am 03.02.2014 zum Anlass genommen, mit Hilfe der Arbeitshilfe unseres Landesverbandes NRW „Sexuelle Gewalt durch Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an Mädchen und Jungen in Organisationen“ (Link) und auf der Basis der vorliegenden Beschlüsse unseres Verbandes noch einmal seine Strukturen, Standards, Verhaltenscodices, Organisationskultur etc. kritisch zu betrachten, so z. B. eine Risikoanalyse durchzuführen und eventuelle Verbesserungen anzugehen.

 -Austausch mit Vertreter*innen von Opferverbänden am 27.08.2014:

Da es dem Vorstand ein sehr großes Anliegen ist, das nachzuholen, was seit Anfang der 90er Jahre versäumt worden ist, nämlich die Betroffenen in den Blick zu nehmen, haben sich ein Mitglied des Vorstandes des DKSB Münster und dessen Geschäftsführer Dieter Kaiser sowie ein Mitglied des Vorstandes des DKSB Bundesverbandes am 27.08.2014 in Frankfurt mit den beiden Vertreter*innen von Opferverbänden, Sabine Pohle (Glasbrechen) und Matthias Katsch (Eckiger Tisch), getroffen. Die DKSB-VertreterI*innen erhielten bei diesen Gesprächen wertvolle Hinweise für den zukünftigen Umgang mit Betroffenen. Auch wurden konkrete Handlungsschritte besprochen, die auf Ebene des Ortsverbandes Münster und auf DKSB-Bundesebene anzugehen sind.

– Weitere Mitarbeit in der bundesweiten AG Aufarbeitung

Unser Geschäftsführer Dieter Kaiser gehörte der bundesweiten “Arbeitsgruppe Aufarbeitung” unseres Verbandes (s.o.) bis zu deren Auflösung im Mai 2016 an. Der Vorstand des DKSB Bundesverbandes und die Landesvorsitzendenkonferenz des DKSB hatten beschlossen, dass diese AG auch nach Vorlage des Berichts des Instituts für Demokratieforschung am 14.5.2015 weiter arbeiten möge. Ihre Aufgabe war dann die Einordnung der Themen, wie sie sich im Abschlussbericht darstellen (z.B. weitere Qualifizierung von Ehrenamtlichen und die Umsetzung eines umfassenden Beschwerdemanagements im Verband). Dazu hat es auf der bundesweiten Mitgliederversammlung des DKSB 2016 ein Fachforum gegeben, das von der AG Aufarbeitung organisiert worden ist. (s. auch unten: Strukturkommission)

– Wir nehmen Stellung zum Bericht des Instituts für Demokratieforschung  

Zum am 14.05.2015 veröffentlichten Bericht des Göttinger Instituts für Demokratieforschung „Umfang, Kontext und Auswirkungen pädophiler Forderungen innerhalb des Deutschen Kinderschutzbundes“ haben wir auf dieser Homepage (unter „Aktuelles“ und im Menüpunkt „Aufarbeitung Pädosexuelle Gewalt“, ebenfalls unter “Aktuelles”) am 17.5. ein erstes Statement hierzu abgegeben. Anschließend haben wir uns mit diesem Bericht insbesondere mit dem Blickpunkt auf unseren Ortsverband und unter den Fragestellungen auseinandergesetzt, ob er Informationen enthält, die uns nicht bekannt waren und ob er Hinweise darauf gibt, welche in den 80er Jahren im DKSB vorhandenen Strukturen, Konzepte und Rahmenbedingungen die die damals von DKSB-Mitarbeiter*innen in Münster und in acht anderen DKSB-Orts- und Kreisverbänden gegen Kinder und Jugendliche verübten Verbrechen begünstigt bzw. ermöglicht haben. Hier finden Sie eine ausführliche  Stellungnahme unseres Ortsverbandes zum genannten Bericht. Darin informieren wir auch über ein Gesprächs- und Hilfsangebot unseres Bundesverbandes an die Betroffenen.

– Gegründet: Strukturkommission unseres Bundesverbandes

Auf den Kinderschutztagen des DKSB im Mai 2016 hat die AG Aufarbeitung, deren Arbeit damit beendet ist, mit Erfolg einen Antrag auf Einrichtung einer Strukturkommission gestellt. Diese soll notwendige Handlungsschritte zum Abbau der von der AG Aufarbeitung erkannten strukturellen Defizite und Schwachstellen im Verband aufzeigen und Wege der Umsetzung empfehlen. Die Kommission wird sich auf der Grundlage dieses Auftrages bis Mai 2018 insbesondere mit den Bereichen Kommunikation, Beteiligung, Transparenz, Wissensmanagement, Qualität, Verbindlichkeit, Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit befassen.

Stand: Juni 2016