Aufarbeitung pädosexuelle Gewalt

Kurzfassung

Nach der Gründung des DKSB Ortsverband Münster 1977 gab es neben vielen Arbeitsgemeinschaften zu unterschiedlichen Themen auch die AG „Ausreißerhilfe“, die sich um Kinder und Jugendliche kümmerte, die aus verschiedenen Gründen ihre Familien verlassen hatten. Gegründet im Jahr 1981, bestand die genannte AG als Arbeitsgruppe des DKSB Münster bis April 1990. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen unserer AG kümmerten sich um Ausreißer*innen. Parallel dazu gab es von 1982 bis 1992 außerhalb des DKSB Münster einen eigenständigen Verein „Ausreißerhilfegruppe e.V.“. Dieser hatte (vermutlich ab Ende 1986) eine Geschäftsstelle in der Münsteraner Friedensstraße mit Büro, zwei Zimmern zur Aufnahme von Jugendlichen und einem privaten Wohnraum des ehrenamtlichen Mitarbeiters Christoph K.

Auf der Vorstandssitzung des DKSB Münster am 12.12.1989 eröffnete Christoph K., damals auch Mitglied im Vorstand unseres Ortsverbands, den übrigen Vorstandsmitgliedern, dass ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen sexuellen Missbrauchs im Rahmen seiner Ausreißerhilfearbeit eingeleitet worden sei. Daraufhin veranlasste der damalige Vorstand des DKSB OV Münster, dass Christoph K. seine Ämter für die Dauer des Verfahrens – und damit bis zu einer endgültigen Klärung der Vorwürfe – niederlegte. Auch durfte er keine Kinder und Jugendlichen mehr betreuen.

Dem Vorstand des Vereins „Ausreißerhilfegruppe e.V.“ war das Ermittlungsverfahren gegen Christoph K. spätestens am 08.12.1989 ebenfalls bekannt. Im Jahr 1994 und dann auch 1997 wurde Christoph K. zu insgesamt 7,5 Jahren Haft verurteilt. Ein Artikel  im Magazin „Der Spiegel“ vom 06.01.2014 nimmt auf  die Verbrechen von Christoph K., insbesondere im Jahr 1991 an der Betroffenen Nora K.,  Bezug. Lesen Sie hier unsere Stellungnahme  vom 10.1.2014 zum genannten Artikel.

Nach der Verurteilung von Christoph K. wegen seiner Verbrechen hat der DKSB OV Münster in mehreren Publikationen und Veranstaltungen immer wieder über dessen Taten informiert und sich deutlich von diesen distanziert. Das unverzeihliche Fehlverhalten unseres in den achtziger Jahren aktiven ehrenamtlichen Mitarbeiters hat unseren Verein für das Problem der sexuellen Übergriffe durch Mitarbeiter*innen in Institutionen nachhaltig sensibilisiert. Seitdem kommt diesem Thema eine herausragende Bedeutung in unserer Arbeit zu.  Nähere Informationen zu unseren Aktivitäten erhalten Sie in der Langfassung.

Bei unseren bisherigen Auseinandersetzungen mit den damaligen Geschehnissen haben wir es allerdings bis Anfang 2014 versäumt, aktiv auf die Leidtragenden der Verbrechen zuzugehen und mit ihnen ein Gespräch zu suchen. Dafür hat sich unser Vorstand am 10.1.2014 in der genannten Stellungnahme zum SPIEGEL-Artikel entschuldigt und dieses Angebot nachgeholt. Eine ausführliche Zusammenfassung unserer Haltung zu den Geschehnissen können Sie in der Langfassung nachlesen.

Im September 2013 berichtete -für unseren Verband völlig überraschend- ein Artikel in der „Welt am Sonntag“ über Einflüsse pädophiler Netzwerke und Akteure in den 1980er Jahren auf den Deutschen Kinderschutzbund. Im Artikel wurden auch Vorwürfe gegen den damaligen Präsidenten des DKSB, Prof. Walter Bärsch, erhoben. Das Göttinger Institut für Demokratieforschung war im Zuge einer Forschungsarbeit zum Thema „Pädosexualität im frühen Parteienprogramm der Grünen“ hierauf gestoßen.

Dieses  Institut ist vom DKSB Bundesverband Ende 2013 beauftragt worden, die genannten Einflussnahme-Versuche und eventuelle Verstrickungen von Prof. Walter Bärsch ebenso wie konkrete Verbrechen in DKSB-Ortsverbänden wie die von Christoph K. begangenen als unabhängige Institution zu untersuchen. Unser Ortsverband hat diese Untersuchung von Beginn an unterstützt.

Am 14.5.2015 hat das Göttinger Institut für Demokratieforschung in Berlin seinen Abschlussbericht zum Forschungsprojekt „Umfang, Kontext und Auswirkungen pädophiler Forderungen innerhalb des Deutschen Kinderschutzbundes“ vorgelegt. Zu diesem Bericht haben wir auf dieser Homepage (unter „Aktuelles“ und im Menüpunkt „Aufarbeitung Pädosexuelle Gewalt“) am 17.5.2015 ein erstes Statement abgegeben. Anschließend haben wir uns mit dem Bericht insbesondere mit dem Blickpunkt auf unseren Ortsverband und unter den Fragestellungen auseinandergesetzt, ob er Informationen enthält, die uns nicht bekannt waren und ob er Hinweise darauf gibt, welche in den 80er Jahren im DKSB vorhandenen Strukturen, Konzepte und Rahmenbedingungen die die damals von DKSB-Mitarbeiter*innen in Münster und in acht anderen DKSB-Orts- und Kreisverbänden gegen Kinder und Jugendliche verübten Verbrechen begünstigt bzw. ermöglicht haben. Anschließend haben wir eine ausführliche Stellungnahme  zum genannten Bericht abgegeben. Darin informieren wir auch über ein Gesprächs- und Hilfsangebot unseres Bundesverbandes an die Betroffenen.

Wir kämpfen seit mehr als zwei Jahrzehnten auf zahlreichen Fronten gegen pädosexuelle Gewalt. Auch überdenken wir die Strukturen innerhalb unseres Ortsverbandes regelmäßig. Weiterhin ist unsere Fachberatungsstelle zum Thema „ Sexueller Missbrauch“ und zu jeder anderen Form von Gewalt gegen Kinder seit Anfang der neunziger Jahre eine Anlaufstelle für Kinder, Jugendliche, Eltern und pädagogische Fachkräfte.

Selbstverständlich ist uns eine genaue Prüfung der an einer Mitarbeit in unserem Ortsverband interessierten haupt – und ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen besonders  wichtig. So muss jede/r Mitarbeiter/in ein Erweitertes Führungszeugnis vorlegen sowie eine Erklärung zur „Verhaltensanweisung zur Prävention von Beziehungsmissbrauch und sexueller Gewalt im Umgang mit Personen, insbesondere Kindern und Jugendlichen, die vom DKSB OV Münster betreut und beraten werden“ unterschreiben. Wir sensibilisieren potentielle Mitarbeiter*innen in jedem Erstgespräch für die Problematik „Sexueller Missbrauch, insbesondere durch Mitarbeiter*innen in Institutionen“ und sprechen die Vorfälle aus den 1980er Jahren und unsere heutige Haltung aktiv an.

Unser großes Anliegen ist es, alles uns Mögliche dafür zu tun, um im DKSB Münster in der Gegenwart und in der Zukunft Risiken für Kinder und Jugendliche noch mehr zu reduzieren; sowohl bei bestehenden Angeboten als natürlich auch bei der Installation neuer Angebote. Die kritische Hinterfragung unserer Strukturen und Werte wird dabei nie abgeschlossen sein. Wir werden sie fortlaufend und in regelmäßigen Abständen institutionalisiert leisten. Zur Zeit erarbeiten wir ein Beschwerdeverfahren für Kinder und Jugendliche. Dieses sehen wir als einen weiteren Präventionsbaustein gegen Übergriffe gegen Kinder und Jugendliche durch die eigenen MitarbeiterInnen. Wir streben an, unser Beschwerdeverfahren in diesem Jahr zu implementieren.

Stand: Februar 2017